Editorial: Es ist Zeit für Mutanfälle

Rund um den Globus werden zurzeit tonnenweise Dokumente für die Klimakonferenz in Paris verfasst. Alle Länder versuchen, sich für die Verhandlungen im Dezember im besten Licht zu zeigen und doch so wenige Verpflichtungen wie nur möglich einzugehen.

Während die Verhandlungsdelegationen in Stellung gehen, läuft uns die Zeit davon. Gemäss internationalem Klima-Rat haben wir noch rund 25 Jahre Zeit, um das Ruder herumzureissen. Dann ist das Zwei-Grad-Kontingent aufgebraucht. Eine Erderwärmung von zwei Grad würde bei uns die Schneefallgrenze um 500 Meter steigen lassen. Das stellt nicht nur den Wintertourismus auf den Kopf, sondern wirkt sich auch auf den Wasserhaushalt, die Vegetation und die Jahreszeiten aus. Man wagt nicht zu denken, was eine Erwärmung um vier Grad bedeutet, bei uns in der Schweiz und in den südlicheren Ländern. Steigender Meeresspiegel, Dürren und Naturkatastrophen würden Millionen von Menschen aus ihrer Heimat vertreiben.

"Wir sind die erste Generation, die den Klimawandel spürt", stellte US-Präsident Obama fest, "und die letzte, die etwas dagegen tun kann." Leider stehen die Zeichen in der Schweiz nach den Wahlen vom 18. Oktober auf Sturm. Das heutige Klimagesetz läuft bekanntlich 2020 aus. Das neue Parlament wird somit die Eckpfeiler der Schweizer Klimapolitik bis 2030 festlegen. Dabei sind Rückschritte vorprogrammiert. Denn FDP und SVP wollen statt konkretem Klimaschutz in der Schweiz möglichst billige Zertifikate im Ausland kaufen und bewährte Instrumente wie das Gebäudeprogramm entsorgen.

Auch die Einschränkung des Flugverkehrs wird es im neuen Parlament schwer haben. Mit der Teilrevision des Luftfahrtgesetzes (siehe Beitrag auf Seite yx) will der Bundesrat den Umweltschutz schwächen und die Flughäfen weiter ausbauen, auch für die Freizeitfliegerei. Mit der Zentralisierung von Entscheidungen soll zudem der lokale Widerstand gegen Lärm und CO2-Emissionen blockiert werden. Umso wichtiger ist, dass wir dran bleiben und uns für eine umweltfreundliche Verkehrspolitik stark machen. Es ist Zeit für Mutanfälle!

Regula Rytz, Nationalrätin und Co-Präsidentin der Grünen Schweiz