Das Bazl will in der Fluglärm-Debatte Gegensteuer geben

Keine andere Lärmquelle ist seit Jahren stärker im Brennpunkt der öffentlichen Diskussion als der über viele Quadratkilometer flächendeckende und daher auf weite Distanzen wahrnehmbare Fluglärm. Alles andere als zur Begeisterung des Bundesamts für Zivilluftfahrt (Bazl), den Aviatikakteuren und diesen nahestehenden Kreisen.

Mit einer neuen Web-App will das Bazl künftig die aktuelle Lärmbelastung und kommende Lärmszenarien visualisieren und damit offensichtlich nicht zuletzt der anhaltenden, höchst ungelegenen Fluglärmdiskussion entgegenwirken.


Mannigfaltige Gründe für die Fluglärmdiskussion

Die Fluglärm-Belastung um die zahlreichen Schweizer Flugplatzanlagen ist bei den Betroffenen landauf, landab seit Jahrzehnten ein Dauerbrenner. Wen wundert’s? Der Flugverkehr nimmt stetig zu, vor allem auch auf den Flughäfen ZH-Kloten, Genf und Basel-Mülhausen. Die mittel- und langfristigen Prognosen zeigen weiter nach oben. Als ob es mit den heutigen Immissionen nicht schon längst genug wäre.

Zudem hält sich der Fortschritt im Flugzeugbau zu leiseren Flugzeugen in bescheidenen Grenzen. Was an Lärmreduzierung erreicht ist, wird jeweils gleich wieder durch noch grössere und leistungsfähigere Maschinen und vor allem noch mehr Flugbewegungen kompensiert, zunichte gemacht. Das wird in ZH-Kloten mit der neuen Boeing 777 und der neuen Bombardier CS100 der Swiss keineswegs anders sein.

Gleichzeitig brütet das Bazl unter dem Deckmantel der Sicherheit, wie die Kapazitäten beispielsweise des Flughafens Kloten für noch mehr Flugverkehr ausgebaut werden können (Pistenanpassungen, neue An-/Abflugverfahren, etc). Und sucht gleichzeitig heute schon krampfhaft nach Möglichkeiten, wohin die so genannte General Aviation/Kleinaviatik (Geschäfts- und Privatfliegerei) von Kloten, aber auch von Genf, ausgelagert werden soll. Allein in Kloten handelt es sich um jährlich gegen 40’000 Flugbewegungen, die man dort loshaben möchte. Also Flugverkehr, der dereinst die Anwohner anderer Flugplätze belasten wird.

Die Betroffenen fühlen sich ob all dieser Entwicklungen ohnmächtig den schädlichen und lästigen, flächendeckenden Fluglärmimmissionen ausgesetzt und kommen sich letztlich veräppelt vor. Nicht zuletzt auch deshalb, weil beispielsweise zwischen den für den Tagesfluglärm über 12 Stunden gemittelt gerechneten, somit «geglätteten»,  ja «verwässerten» Fluglärmwerten und der Realität der tatsächlich erlebten, gefühlten Immissionen der Einzel-Fluglärmereignisse mit ihren Lärmspitzen Welten klaffen.


Dem Bazl sehr ungelegene Diskussion

Angesichts der vorgenannten Tatsachen entspricht es einer ziemlich verstellten Auffassung des Bazl-Chefs, Christian Hegner, indem er in einem Artikel des Journals swiss.com/aeropolitics, Ausgabe 3/2016, die Diskussionen um den Fluglärm «als oft emotional und wenig sachlich geführt» bezeichnet.

Ein ganz offensichtlicher Ausdruck, dass die anhaltende Fluglärm-Diskussion der Luftfahrtbehörde und der Aviatikbranche ein gehöriger Dorn im Auge ist, dem das Bazl entgegenhalten will.


Neue Bazl-Fluglärm-App als «Allerheilmittel»?

Wie von der Verkehrsministerin Doris Leuthard bereits anlässlich des Forums der Schweizer Luft- und Raumfahrt im Herbst 2015 angedacht, will sie sich mehr in die Fluglärm-Debatte einbringen. Die Entwicklung einer neuen Lärm-App, also einer neuen Web-Applikation durch das Bazl, scheint ihr dazu gerade das probate Mittel zu sein. Damit sollen Informationen zur Lärmbelastung durch den aktuellen Flugverkehr (vorab rund um den Flughafen Kloten) sowie durch künftig geplante Flugrouten, «interessierten Kreisen zur Verfügung gestellt werden».

Das Projekt eines Prototyps einer solchen Web-Applikation zur Visualisierung von Fluglärm ist vor einigen Monaten angelaufen. Analysen von aktuellen Lärmbelastungen, Prognosen und lärmtechnischen Optimierungen des Flugbetriebs, etc sollen auf einfache Art möglich werden.


Die Position des SSF

  • Der SSF stellt sich zunächst auf den Standpunkt, dass die Lärmbetroffenen mit ihren Wahrnehmungen und Anliegen zuerst einmal ernst zu nehmen und nicht nur wie üblich einseitig die Bedürfnisse der Aviatik als vorrangig zu berücksichtigen sind.
  • Er geht zweitens davon aus, dass auch die Resultate der neuen App – wie Lärmberechnungen mit einem herkömmlichen Fluglärmmodell – direkt von den Eingabedaten, vorliegend angeblich «sehr umfangreichen Flugleistungsdaten aus dem Simulator» der Fluggesellschaft Swiss, bestimmt werden.
  • Und drittens, dass es letztlich weiterhin sehr nützlich und sinnvoll sein wird, über das tatsächliche Ausmass der Lärmimmissionen in absoluten Dezibel-Zahlen (dB[A]) über effektive, professionelle Lärmmessungen durch ein spezialisiertes Unternehmen Aufschluss zu erhalten. So, wie das beispielsweise derzeit die Gemeinde Zumikon/ZH auf ihrem Gebiet durchführen lässt.
  • Viertens darf man sehr gespannt sein, was die neue Lärm-App tatsächlich hergibt, inwieweit die Lärm-Visualisierungen umgesetzt werden können und vor allem auch, wer dereinst zum erlauchten Kreis des Bazl gehört, der diese App erhält und auf den Prüfstand nehmen kann.

Foto: 22. Feb. 2017, Schweizer Mittelland
© Viktor Stampfli