Editorial

Klimablind liegt nicht mehr drin

Rund um den Klimawandel gibt es Unsicherheiten, doch eins ist sicher: Wenn wir jetzt den Ausstieg aus den fossilen Energien nicht entschlossen anpacken, dann wird es für uns sehr teuer (und für viele Menschen in ärmeren Ländern geht es um Leben und Tod). Die Prognosen der Klimawissenschaft haben sich bisher – leider – als zuverlässig oder zu zurückhaltend herausgestellt. Es war darum ein Moment grosser Erleichterung, als sich Ende 2015 in Paris erstmals sämtliche Staaten der Welt zu Klimaschutz und zu einem ambitionierten Klimaziel verpflichtet haben. Die Klimaerwärmung soll deutlich unter 2 Grad bleiben, möglichst unter 1.5 Grad. Nur so lässt sich ein unabsehbares Chaos mit angemessener Wahrscheinlichkeit verhindern. Um dies zu erreichen, müssen die Treibhausgas-Emissionen in allen Sektoren rasch sinken.

Ausgerechnet die Luftfahrt macht da aber nicht mit. Die zuständige Uno-Behörde ICAO hat ein «Klimaschutz»-Regime beschlossen, mit dem die Emissionen fast ungebremst weiter wachsen können. Und das tun sie, denn immer mehr Menschen fliegen und nichts ist so klimaschädlich wie fliegen. Zum Vergleich: Heizen, Strassenverkehr und Industrie verursachen in der Schweiz CO2-Emissionen von rund 5 Tonnen pro Kopf und Jahr. Das ist viel, aber: Mit einem einzigen Ferienflug nach Australien wird das Klima pro Passagier (!) stärker belastet. Gleichzeitig wird die Luftfahrt hoch subventioniert: CO2-Abgabe? Mehrwertsteuer? Mineralölsteuer? Umwelt- und Klimakosten? Alles geschenkt bzw. der Allgemeinheit überwälzt.

Da wird gerne argumentiert, dass der Flugverkehr wirtschaftlich halt sehr wichtig sei und ein einzelnes Land wenig machen könne. Beides ist verblüffend falsch (siehe Haupttext). Nur müssen wir endlich etwas machen. Viele Länder in Europa haben zum Beispiel eine Ticketabgabe, um die erwähnten Ungerechtigkeiten wenigstens etwas auszugleichen. Ausgerechnet die Schweiz als eines der weltweit krassesten Vielflieger-Länder hat kein solches Instrument. Wichtig ist aber auch, bei der Luftfahrt-Infrastruktur am Boden kritische Vernunft walten zu lassen und klimablindes Wachstum nicht als Naturgesetz zu akzeptieren. Da kommt den Schutzverbänden eine entscheidende Rolle zu.

Philip Gehri
Projektleiter Klima und Energie
WWF Schweiz