Pilot-Projekt in Grenchen: Flüge nach Instrumentenflugregeln (IFR) im Luftraum «G» ohne Flugsicherung

Die Verordnung über die Verkehrsregeln für Luftfahrzeuge (VRV-L) erlaubt es seit 2015, dass Flugplätze mit lnstrumentenflugverkehr IFR-Flüge ohne Bewilligung der Air Traffic Control (ATC), also ohne Bewilligung der Flugsicherung Skyguide, abwickeln dürfen. Es läuft derzeit in Grenchen ein Projekt, das Aufschluss geben soll für eine breit angelegte Umsetzung von «IFR-Flügen ohne Flugsicherung im Luftraum G» auf weiteren Flugplätzen.


Gemäss Verordnungstext, Art. 20 Abs. 3 VRVL kann das Bazl einem Flugplatzhalter die Anwendung eines Instrumentenflugverfahrens ohne Flugverkehrskontrolldienst bewilligen.

Vorläufig befristete Ausnahmebewilligung

Von dieser Bestimmung hat das Bazl mit Verfügung vom 27. September 2016 Gebrauch gemacht und der Betreiberin des Regionalflugplatzes Jura – Grenchen unter diversen Auflagen eine zeitlich limitierte Ausnahmebewilligung erteilt, beschränkt bis zu einer Umwandlung in eine permanente Ausnahmebewilligung auf Antrag der Betreiberin oder bis zur Beendigung des Projekts im Einvernehmen zwischen Bazl und Betreiberin, längstens jedoch bis zum 28. März 2019. Per 13. Oktober 2016 wurde dazu vom Bazl auch temporär die Luftraumstruktur der Schweiz geändert. Seit nun dem 30. März 2017 ist «IFR ohne Flugsicherung im Luftraum G» in Grenchen erstmals in der Schweiz in Erprobung.

Versuchsphase vor 08 und nach 18 Uhr

Die heutige Control Zone (CTR) Grenchen, die die nach Instrumentenflugregeln verkehrenden Luftfahrzeuge schützt und nach Sichtflugregeln verkehrenden Luftfahrzeuge mit Verkehrsinformationen (traffic info) bedient, wird zu Tagesrandzeiten, konkret vor 08 Uhr und nach 18 Uhr Lokalzeit, in eine Radio Mandatory Zone (RMZ) mit einer lateral identischen Dimension ersetzt. Die Obergrenze dieser Zone wird auf 2000 ft AGL, also rund 610 m über Grund festgelegt.

Eine RMZ ist ein Luftraum, in welchem den Luftraumnutzern Auflagen hinsichtlich Funkkontakt und Hörbereitschaft auferlegt werden. Innerhalb dieser Zone gelten die Regeln der Luftraumklasse «G». Für sämtliche Flugzeugbesatzungen innerhalb der RMZ gilt die Verpflichtung zu Blindübermittlungen an den obligatorischen Meldepunkten und bei Änderungen einer Absicht, der Flughöhe und Flugrichtung. In Grenchen werden die bereits heute bestehenden An- und Abflugverfahren angewandt.

Ziel: dauerhafte Umsetzung

Mit dem Projekt soll die Machbarkeit von IFR-Flügen im Luftraum G ohne Flugsicherung evaluiert und nachgewiesen werden. Als Voraussetzung zur Durchführung des Projekts «IFR ohne Flugsicherung – Grenchen» wurden 37 Anforderungen an die Sicherheit aufgestellt, damit das Projekt temporär implementiert werden kann mit dem Endziel, die RMZ Grenchen dauerhaft zu etablieren. Eine dieser Anforderungen ist die Schaffung einer RMZ.


Worauf läuft das Projekt aus Sicht des SSF hinaus?

  • Primär: Senkung der Kosten der Flugsicherung zugunsten der Luftraumnutzer, auch der Passagiere. Ob das gleiche Sicherheitsniveau wie heute mit der Flugsicherung durch Skyguide tatsächlich beibehalten werden kann, wird sich erst noch zeigen müssen.
  • Einführung von «IFR ohne Flugsicherung im Luftraum G» auf weiteren IFR-Flugplätzen landesweit, nicht zuletzt auch solchen, die bislang nur Flugverkehr nach Sichtflugregeln (VFR) haben, selbstredend dann auch mit neuen IFR-Flugverfahren.
  • Allgemeine Flexibilisierung des Flugverkehrs, vor allem auch zu jenen Betriebszeiten, wenn die Kontrollzone (CTR) eines Flugplatzes nicht aktiviert und der Tower somit nicht durch Skyguide besetzt ist, also zu den für die Anwohner besonders lärmempfindlichen Randzeiten (früher Morgen, Mittag und Abend).
  • Im Endzustand auf nationaler Ebene: Allgemeine Erhöhung der Erreichbarkeit (Kapazitätssteigerung)
    dank IFR-Flügen im Luftraum «G», nicht zuletzt auch bei marginalen Wetterverhältnissen.

    Die zentrale Frage, die sich stellt ist, ob die Einrichtung einer RMZ jene Haupt-Vorkehrung ist, um ein durch das Wegfallen der Flugsicherung erhöhtes Kollisionsrisiko mit den übrigen Luftraumnutzern zu vermeiden? Der SSF bleibt dran.

Foto: 26. Feb. 2017, Schweizer Mittelland
© Viktor Stampfli