Der Corsia-Bschiss

Corsia, das neue internationale Klima-Kompensationsregime für den Luftverkehr, ist doppelt gefährlich. Es ist gefährlich unwirksam für den Klimaschutz und gefährlich wirksam als Argument der Fluglobby im Kampf gegen effektive Klimaschutz-Massnahmen.


Eigentlich braucht man Vertreter von Airlines oder Flughäfen gar nicht zu fragen, wie das mit der Luftfahrt und dem Klimaschutz sei. Die Antwort ist sowieso immer gleich: Die Luftfahrt habe nur einen marginalen Anteil am Klimaproblem. Und dank dem internationalen Kompensationsregime Corsia leiste man ja bald einen angemessenen Beitrag.

Der erste Teil der Antwort ist offensichtlich faktenwidrig. Schliesslich hat der Luftverkehr in der Schweiz einen Anteil von 18 Prozent an der gesamten Klimabelastung – ebenso viel wie sämtliche Autos. Mit dem zweiten Teil der Antwort verhält es sich ganz ähnlich. Der Corsia-Bschiss beginnt schon mit dem Namen, der für «Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation» steht. Reduziert wird nämlich gar nichts mit Corsia.

Blenden wir kurz zurück: Über 20 Jahre Diskussion hat es gebraucht, bis die zuständige Uno-Behörde Icao vor drei Jahren ein Klimaschutz-Instrument für die Luftfahrt beschlossen hat. Von Anfang an war klar, dass dieses Corsia-System völlig ungenügend ist:

  • Die Wissenschaft legt nahe, dass sämtliche Länder ihre Treibhausgas-Emissionen innert weniger Jahrzehnte netto auf null senken müssen. So haben es denn auch sämtliche Staaten der Welt im Pariser Klimaabkommen beschlossen. Trotzdem werden mit Corsia wie erwähnt keine Emissionen reduziert, sondern höchstens kompensiert.
  • Auch kompensiert werden soll bloss ein kleiner Teil: Nur jene Emissionen, die durch weiteres Wachstum nach 2020 noch dazukommen.
  • Dabei erfasst Corsia einzig CO2. Dieses Treibhausgas macht aber nur rund die Hälfte der Klimabelastung durch den Jetverkehr aus.
  • Und schliesslich ist das Ganze bis 2027 auch noch freiwillig.

Dazu kommt ein ganz grundsätzliches Problem: Kompensiert wird mit Klimazertifikaten. Ein Klimazertifikat sollte garantieren, dass dank dem durch den Zertifikateverkauf eingenommene Geld irgendwo eine zusätzliche Tonne CO2 reduziert wird. Die Erfahrungen mit gross angelegten Kompensationssystemen sind jedoch sehr schlecht. So hat eine Studie im Auftrag der EU zu den sogenannten CDM-Zertifikaten gezeigt, dass drei Viertel der Zertifikate Ramsch sind. Es wurde kein zusätzliches CO2 reduziert, oder nicht die verbriefte Menge. Es wurden z.B. oft Zertifikate verkauft für Projekte, die ohnehin realisiert worden wären. Folglich ist fürs Klima mit dem Zertifikat nichts gewonnen, von Kompensation kann keine Rede sein.

Nur wenige Länder setzen deshalb heute noch auf Kompensation mit Klimazertifikaten. Zumal sie viel stärker profitieren, wenn sie die eigenen Emissionen reduzieren statt Zertifikate einzukaufen. Schliesslich sparen sie so viel Geld für fossile Energien. Und mittelfristig müssen ja ohnehin alle Länder ihre eigenen Emissionen netto auf null senken.

Deshalb ist das Angebot an Klimazertifikaten heute viel grösser als die Nachfrage – insbesondere für Zertifikate fragwürdiger Qualität. Viele dieser Zertifikate kosten einen Franken und weniger. Zum Vergleich: Eine zusätzliche Tonne CO2 verursacht Umwelt- und Gesundheitsschäden in der Grössenordnung von 150 bis 200 Franken.

Eine kürzlich in der Fachzeitschrift «nature climate change» veröffentlichte Studie hat untersucht, was dieses Überangebot und die Systemfehler in den Zertifikatemärkten für Corsia bedeuten. Zentrales Ergebnis: Es gibt heute mehr Billigst-Zertifikate auf dem Markt, als die Airlines für Corsia bis 2035 oder noch später brauchen – wenn diese Zertifikate für Corsia zugelassen würden.

Wenn heute bereits verfügbare Billigzertifikte nach 2020 für Corsia akzeptiert werden, hat das zwei negative Folgen: Einerseits wäre das für die Airlines so billig, dass die Zertifikatekosten nicht auf die Ticketpreise durchschlagen würden. Folglich bleibt jeder Lenkungseffekt aus. Mindestens so problematisch: Auch fürs Klima ist so nichts gewonnen, folgern die Studienautoren, denn hinter Billigst-Zertifikaten könnten gar keine zusätzlich reduzierten Emissionen stecken.

Was das für Corsia heissen muss, liegt auf der Hand: Alte Billigst-Zertifikate aus der Zeit vor dem Corsia-Start 2020 dürfen nicht angerechnet werden. Das fordern nicht nur die Umweltverbände, sondern auch die EU-Länder. Doch vor wenigen Wochen hat das zuständige Icao-Gremium hinter verschlossenen Türen anders entschieden. Die Türen für alte Ramsch-Zertifikate bleiben weit offen, stellte die Organisation «Carbon Market Watch» zu dem Entscheid fest.

Damit dürfte Corsia für den Klimaschutz gefährlich wirkungslos sein, wie zu befürchten war. Das hindert die Luftfahrt-Lobby freilich nicht, Corsia weiterhin als gefährliches Argument gegen effektive Klimaschutz-Massnahmen einzusetzen. Dabei wärs ja so einfach: Nur weniger fliegen hilft, alles andere ist heisse Luft.

Philip Gehri
Fachgruppe Klima und Energie
WWF Schweiz