Die Stärke des Klimastreiks

Unter dem Namen Klimastreik gehen wir auf die Strasse. Meine Generation und vor allem die jüngeren verbreiten wieder Hoffnung für die Zukunft. Eine andere Wahl haben wir wohl nicht. Seit Jahrzehnten drängt die Wissenschaft auf einen Wandel unserer Lebensweise. Rein ökologisch betrachtet leben wir schon lange über unsere Verhältnisse. Es braucht also einen grundlegenderen Wechsel als LED-Lampen und freiwillige Kompensierung von Flug-Emissionen.

Auch die Umweltschutz-Organisationen arbeiten seit Jahrzehnten an diesem Thema. Dafür sind wir sehr dankbar. Trotzdem gibt es noch grossen Handlungsbedarf. Der Klimastreik ist deshalb besonders erfolgreich, weil er eine unglaublich emotionale Geschichte ist. Es ist unsere Angst, die uns auf die Strassen bringt. Wir sagen den Menschen ins Gesicht: «Wir haben Angst um unsere Zukunft.» Und diese Angst ist wissenschaftlich gestützt. Davon sind die Menschen beeindruckt. Emotionen vermittelt man nicht nur durch Worte. Auch unbewusste Kommunikation wie die Mimik vermitteln Emotionen. Bei einem Klimastreik-Podium in Aarau konnte man diese aufgestaute Emotion der Klima-Aktivist*innen im Raum förmlich spüren. Es war keine Wut, es war Verzweiflung. Verzweiflung, weil man Abgeordnete aller grossen Parteien vor sich hatte. Auch Parteien, welche seit Jahren Klimaschutz-Massnahmen verhinderten. Die Einleitung war ein Referat eines ETH-Dozenten über die Auswirkungen der Klimaerhitzung. Danach hatte ich das Gefühl, der ganze Raum schreie lautlos: «Warum tut ihr nichts?». Ich glaube das ging auch den VertreterInnen auf dem Podium unter die Haut. Sie werden nicht gleich ihre gesamte politische Haltung kippen. Aber ich bin überzeugt, dass solche Momente auch Menschen zum nachdenken bringen, deren Meinung scheinbar in Stein gemeisselt ist.

Deshalb ist der Klimastreik aus meiner Sicht erfolgreich. Uns eint die Sorge um unsere eigene Zukunft, das macht uns unglaublich stark. Unser gemeinsames Ziel ist es, eine lebenswerte Zukunft zu erhalten und zu gestalten. Die Dringlichkeit ist mittlerweile so hoch, dass wir den Wandel anstossen können. Weg von den fossilen Brennstoffen und die erneuerbaren Energien ausbauen. Aber wir brauchen auch eine neue grüne Vision. Eine Gesellschaft, die sich am eigenen Befinden orientiert. Am Glück und nicht am Geld. Denn das Glück ist nicht fern. Ich möchte «zurück in die Zukunft». Das heisst wir orientieren uns an der natürlichen Lebensweise des Menschen, ohne die technischen Errungenschaften zu verteufeln. Ein Leben in Bewegung, Gemeinschaft und Sinn. Wir brauchen Städte, welche wie Ökosysteme funktionieren. Ein Kreislauf. Wälder in den Wohnorten, Fusswege, Fahrradwege, renaturierte lebendige Flüsse, Permakultur-Gärten und gemeinschaftlich orientierte Wohnorte. Gemeinschaftlich leben bedeutet, für einander da sein, anstatt für jede Dienstleistung Geld zu verlangen. Reden und helfen. Diskutieren und argumentieren von Person zu Person. Aus der eigenen online-Blase auszubrechen und sich mit anderen Menschen auseinandersetzen. Vermissen wir das nicht alle in einer Gesellschaft, in der man in der Öffentlichkeit selten über den Smartphone-Rand hinausblickt? Zum Glück haben wir Lust auf diesen Wandel. Wir möchten nicht darauf warten. Deswegen arbeiten wir in der Regionalgruppe Zürich an einem Wohnprojekt. Wir möchten
vorleben, was wir fordern. Und wir rufen alle dazu auf, es uns nachzumachen und unsere Anliegen zu unterstützen. Auf der Strasse, am Esstisch, am Arbeitsplatz und in der Wahlkabine. Die Zeit ist reif für Veränderungen.

Weitere Informationen zum Klimastreik:
www.climatestrike.ch

Jonas Stadler
Mitorganisator Klimastreik Zürich
und national